IOI 97 in Cape Town, South Africa

Timo Burkard und Karsten Sperling, mit Anmerkungen von Gabriele Reich

23. Januar 1998

Für das Deutsche Team 1997 begann die IOI 1997 damit, daß wir uns alle am Abend des 27.11.97 beim Check-In am Lufthansaschalter in Frankfurt trafen. Wir, das sind zunächst die Delegationsleiterin Dr. Gabriele Reich, unser Deputy Team Leader, Dr. Günter Scheu, und natürlich die vier Teilnehmer, Timo Burkard, Christian Müller, Michael Schneider und Karsten Sperling.

Nach einem ziemlich eintönigen (die Eintönigkeit und auch das Platzangebot hingen stark davon ab, neben wem man saß)14stündigen Flug mit Zwischenstop in Johannesburg kamen wir schließlich am Vormittag bei strahlendem Sonnenschein und 27 Grad in Kapstadt an. Dort wurden wir bereits von unserem sehr netten und charmanten Guide, der achtzehnjährigen Schülerin Gillian, genannt Gill, empfangen.

Da die Olympiade erst am Sonntag offiziell begann, wohnten wir die ersten beiden Tage in einem Hotel an der Victoria & Alfred Waterfront, einem wiederbelebten Hafenviertel, das besonders für Touristen ein starker Anziehungspunkt ist.

Den ersten Nachmittag in Kapstadt verbrachten wir damit, uns die Waterfront mit ihrer sehr modernen, jedoch für Südafrika nicht gerade typischen Mall mit unzähligen Geschäften (leider die teuersten Geschäfte Kapstadts, vielleicht sogar ganz Südafrikas) sowie zahlreichen Restaurants, Cafés und Hotels anzusehen.

Samstag vormittag ging es dann zuerst mitten in das Zentrum von Cape Town, wo wir gemeinsam mit unserem Guide den Flohmarkt erkundeten, auf dem allerdings hauptsächlich Souvenirs und Kleider gehandelt werden. Nachmittags fuhren wir dann zum Baden im Atlantischen Ozean an einem sehr schönen Strand etwas südlich von Kapstadt. Dort gab es das von Frau Reich bereits angesprochene eiskalte Wasser, in das sich einige Teilnehmer nur zögernd hineinbewegten, bzw. schnell wieder herauskamen. (Der Ehrlichkeit halber muß die Teamleitung zugeben, daß sie sich hier vornehm zurückhielt und nur die Füße ins Wasser streckte.) Abends mieteten wir uns dann für eine Stunde ein Taxi, um auf den Signal Hill zu fahren. Neben dem Tafelberg ist er einer der besten Plätze, von denen man einen großartigen Ausblick auf Kapstadt bei Dämmerung und Nacht hat, den wir in zahlreichen Bildern festhielten.

Der ÖPNV ist übrigens eine abenteuerliche Angelegenheit in Kapstadt: Es gibt Minibusse, die bestimmte Routen fahren. Sofern man einen einheimischen Guide dabei hat, findet man auch den richtigen Bus. Diese Busse sind für 13 Personen zugelassen, werden aber in der Regel mit 20 Personen besetzt. Kinder zählen dabei natürlich nicht mit, die liegen irgendwo quer. Und der Fahrstil ist - vorsichtig ausgedrückt - anstrengend. Dafür ist die Bezahlung ganz amüsant: Irgendwann während der Fahrt gibt man sein Fahrgeld von hinten nach vorne, wobei Mitreisende nicht nur für die Weitergabe sorgen, sondern einen auch schon mit dem Wechselgeld versorgen, wenn man welches zu bekommen hat. Vorne beim Fahrer kommt jedenfalls zum Schluß genau der Betrag an, den alle Fahrgäste zusammen zahlen müssen.

Sonntag vormittag stand eine Hafenrundfahrt von der Waterfront aus auf dem Programm. Im Hafenbecken tummelten sich zwar etliche Seehunde, sie straften uns aber mit Verachtung und zeigten uns meist nur ihre Schwanzflossen.

Nachmittags begann für uns offiziell die IOI 1997 mit einem Bustransfer auf das Gelände der University of Cape Town. Nach der Registrierung der Teilnehmer und Teamleitung begleitete uns Gill auf unsere Zimmer, die sehr idyllisch gelegen waren. Wir waren auf dem Campus der University of Cape Town in zwei größeren Gebäudekomplexen untergebracht. In jedem Gebäudeteil befanden sich zwei Teams mit ihren Guides. Jeder Teilnehmer hatte ein Einzelzimmer. Die Team Leader hingegen waren weiter entfernt untergebracht und mußten deshalb häufig auf den Shuttle Bus zurückgreifen, um zu den Gebäude zu gelangen, in denen die einzelnen Veranstaltungen abgehalten wurden.

Von "müssen" kann keine Rede sein. Wir sind beide gut zu Fuß und lediglich morgens um 7 oder nachts um 1/2 4 war man dankbar für den Shuttle-Service, ansonsten konnte man das Stück gut zu Fuß laufen, obwohl es in einer Richtung nur bergauf ging.

Die erste offizielle Veranstaltung der IOI'97 war die Opening Ceremony im Baxter Theatre am Sonntag abend. Ihr   Hauptzweck bestand in der Ehrung der Sponsoren, durch deren finanzielle Unterstützung die IOI'97 ermöglicht wurde. Die IOI wurde dieses Jahr zum ersten Mal vollständig aus privaten Mitteln finanziert. (Naja, "Hauptzweck" ist ein bißchen boshaft, die Teilnehmer wurden auch mal erwähnt.) Immerhin war auch der Bürgermeister von Kapstadt zugegen; der als Ehrengast eingeladene Bischof Tutu mußte aber leider absagen, weil die sogenannten Wahrheitskommission, die die südafrikanische Vergangenheit aufarbeiten soll und deren Vorsitzender Bischof Tutu ist, tagte.
Dafür war aber Shadow, das offizielle Maskottchen der IOI, anwesend. Shadow ist ein zweijähriger Gepard, den man sogar streicheln durfte. (Was die Teamleitung selbstverständlich tat, die Mannschaft traute sich anscheinend nicht so ganz ...)
Abends gab es noch eine "Social Function" für Contestants und Guides, der sich allerdings nur ein geringer Teil der 224 Teilnehmer anschloß. Auch die Discos an den folgenden Tagen fanden kein sehr großes Interesse.
Die Teamleitungen dagegen nahmen an ihrer "Social Function" alle teil und feierten fröhliches Wiedersehen. Schließlich kennt man sich, wenn man schon ein paar Mal an der IOI teilgenommen hat.

Montag war dann zunächst ein IOI Ausflugstag angesagt, wobei die über 600 insgesamt beteiligten Personen in 3 Gruppen aufgeteilt wurden. Jede Gruppe besuchte jeweils ein anderes Ausflugsziel. Für unsere Gruppe war eine Fahrt auf den Table Mountain angesagt, die wegen schlechtem Wetter jedoch verschoben werden mußte. Der Tafelberg hüllt sich sehr häufig in Wolken und dann ist es nicht sehr reizvoll, dort hinaufzufahren.
Stattdessen lernten wir auf einer Stadtrundfahrt die interessantesten Ecken Kapstadts kennen (jedenfalls diejenigen, die nicht schliefen). Nachmittags hatten wir dann in der World of Birds die Gelegenheit, Hunderte von einheimischen Vögeln in einem Vogelpark mit zahlreichen Volieren zu begutachten.

Montag abend wurden alle Teilnehmer und Guides um 20.00 Uhr nach dem Abendessen in ihre Wohngebäude eingeschlossen, damit niemand mehr Kontakt zu seinen Teamleadern aufnehmen konnte, die bis spät in die Nacht über die Aufgabenvorschläge des Scientific Committee diskutierten und schließlich in die Heimatsprachen übersetzten.

Um das weitverbreitete Mißverständnis aufzuklären, die Teamleitungen würden sich bei der IOI ausschließlich eine nette Woche machen, hier kurz die Details des Abends: Beginn der Sitzung um 20.00 Uhr, Diskussion der Aufgaben bis 0.30 Uhr, Übersetzung bis 3.30 Uhr, Licht aus um 4.15 Uhr, Weckerklingeln um 7.00 Uhr. Dabei sind die deutschsprachigen Länder noch privilegiert (wenn auch nicht so wie die englischsprachigen), denn wir hatten immerhin vier Teamleitungen (D, A, CH, LUX), um drei Aufgaben zu übersetzen.

Am nächsten Morgen begann dann der Ernst des Lebens von 8.00 bis 13.00 Uhr mußte jeder die drei gestellten Informatikaufgaben mit einem Programm lösen. Dabei waren die Aufgaben dieses Jahr von einem vollständig anderen Typ als in den Vorjahren. Früher waren Algorithmen gefragt, die immer die optimale Lösung lieferten, und je effizienter der Algorithmus war, desto mehr Punkte gab es. Mit einem langsamen Algorithmus waren zwar noch Punkte zu machen, aber nur, wenn die Lösung korrekt war. Dieses Jahr waren dagegen nur "so gute Lösungen wie möglich" gefordert. Das heißt, mit einer schnellen Heuristik, die eine halbwegs passable Lösung lieferte, konnte man schon ordentlich Punkte sammeln. Die Punktzahl ergab sich dann als prozentualer Anteil der Güte der Lösung im Vergleich zu der besten des Scientific Committee (SC) bekannten Lösung. Das Problem hierbei war jedoch, daß man nicht wußte, wie hoch die Meßlatte des SC angelegt war viele Teilnehmer schrieben Programme, die manche Testfälle deutlich besser als die SC-Lösungen bearbeiteten, aber trotzdem nur 100% gutgeschrieben bekamen.

Nach einen hektischen Mittagessen ging es dann um 14.30 Uhr gleich zur Auswertung. Hierbei wurden die Teilnehmer nach einem vorgegebenen Plan mit ihren Team Leadern aufgerufen, um dann die Bewertung, die durch ein Mitglied des Project Teams durchgeführt wurde, zu beobachten und ggf. Kommentare/Kritik abzugeben. Die Grading Software, oder "Marking Software", wie sie in Kapstadt hieß, automatisierte die Auswertung weitgehend. Im ersten Schritt wurden alle Programme ausgeführt und ggf. bei Überschreitung des Zeitlimits abgebrochen. Im zweiten Schritt wurde die Auswertung durch separate ausführbare Programme für jede Aufgabe vorgenommen, die dann ein ausführliches Diagnoseprotokoll sowie die jeweils erreichten Prozentsätze ausgaben. Abschließend wurde (nach eventueller Eingabe von Kommentaren) eine gedruckte Zusammenfassung von Teamleitung und Auswerter unterzeichnet.

Die Auswertung dauerte in den Abend hinein, doch anschließend war in zwangloser Atmosphäre ein "South African Theme Evening" angesagt. Im Rahmen eines Barbecues sorgten südafrikanische Folkloregruppen für Unterhaltung und man konnte sich mit anderen Teilnehmern und v. a. auch Teilnehmerinnen (hallo Michael) gut amüsieren.
Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, daß auch andere Mitglieder des deutschen Teams die Anwesenheit weiblicher Guides und Teilnehmer durchaus zu schätzen wußten!
Davon abgesehen gab auch noch andere Möglichkeiten des Amüsements, beispielsweise sich selbst aussperrende Teilnehmer und Beobachtungsplätze unter den Arkaden, an denen fast jeder vorbeikam.
Während des Barbecues wurde übrigens aus rein pragmatischen Gründen von uns das sogenannte "Teamqueueing" erfunden: Wenn ein Mitglied des Teams irgendwo in einer Schlange steht, dürfen sich die anderen Teammitglieder dazustellen, statt ans Ende der Schlange zu gehen, wie sich das eigentlich gehört. Das deutsche Team (bzw. die beteiligten Teile desselben) fanden das eine großartige Neuerung; die Meinung der weiter hinten in der Schlange stehenden Nationen dazu ist nicht überliefert.

Mittwoch war dann zunächst mal ein Tag Pause zur Regeneriung, der unter dem Namen "Microsoft International Day" angekündigt war. An diesem Tag wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei jede Gruppe in anderer Form in Kontakt mit Microsoft Produkten kam. Die eine Gruppe gestaltete zusammen mit einheimischen Schülern aus Kapstadt Webseiten mit Microsoft Frontpage 98, während die andere einen Crashkurs in Java erhielt und dann mit Microsoft Visual J++ einen Client zum Chatten im Internet erweiterte.

Am Donnerstag war dann der zweite Wettkampftag, der allerdings von einigen Pannen gezeichnet war. Zum einen kamen die Übersetzungen erst mit einer halben Stunde Verspätung, ferner wurden halbstündlich neue Korrekturen nachgeliefert, da einige Aufgaben unklar gestellt bzw. nicht von allen Länder eindeutig übersetzt waren. (Versionsmanagement ist bekanntlich ein schwieriges Problem.)

Nach einem hektischen Mittagessen begann dann die Auswertung zunächst mit halbstündiger Verspätung um 15.00 Uhr. Sie mußte jedoch bald abgebrochen werden, weil die Grading Software bei praktisch allen Teilnehmern ziemliche Probleme hatte. Was daran lag, daß die Aufgabenstellung am Abend vorher so stark verändert worden war, daß die Software-Module, die in einer der Aufgaben verwendet werden sollten, neugeschrieben werden mußten. Entsprechend stimmte auch die Auswertsoftware nicht mehr. Die Auswertung wurde zunächst auf 17.00 Uhr verschoben, aber erst gegen 18.30 Uhr konnte sie schließlich beginnen. Die Teilnehmer und v. a. die Team Leader (Frau Dr. R.) waren ziemlich gestreßt, (nein, nicht gestreßt, nur müde nach der 2. Nacht mit ca. 3 Stunden Schlaf!) und die Auswertung dauerte bis spät in die Nacht, so daß man den Themenabend "A Taste of Portugal" eher am Rande mitbekam.

Freitag und Samstag waren dann wieder für Ausflüge vorgesehen. Freitag ging es endlich auf den lang ersehnten Tafelberg, der wirklich einen gigantischen Blick auf Kapstadt und Umgebung bot. Anschließend besuchten wir eine typisch südafrikanische Straußenfarm, auf der man sogar die Möglichkeit hatte, auf einem Strauß zu reiten. Diese Gelegenheit wurde allerdings von keinem von uns wahrgenommen.
Da sieht man die einseitige Sichtweise der Autoren: Sowohl Dr. Scheu als auch Michael und Christian nutzten die Gelegenheit! Übrigens konnte man auch Straußenfleisch essen: Ganz lecker, aber man kann ohne leben.

Samstag ging es in das IMAX Kino von Kapstadt, wo ein Film über die Serengeti gezeigt wurde, in das "Aquarium der zwei Ozeane" (gemeint sind Indischer und Atlantischer Ozean, die sich durchaus nicht am Kap der Guten Hoffnung treffen, sondern tatsächlich ein Stück weiter östlich am Kap Agulhas, das der südlichste Punkt Afrikas ist [sorry für die kleine Geographie-Lektion]) sowie in die Waterfront, wo wir wieder einmal durch die unendlichen Weiten der großen Mall bummelten.

Samstag abend war dann die feierliche Closing Ceremony, die aus einem Abendessen und der Verkündung der Medaillengewinner (Bronze und Silber zwischen Vorspeise und Hauptgang, Gold nach dem Nachtisch) bestand.

Sonntag vormittag blieb noch etwas Zeit, um ein letztes Mal durch das Zentrum zu bummeln, das an diesem Tag wie ausgestorben wirkte. (Wirkte?? Es WAR ausgestorben!) Alternativ bestand noch die Möglichkeit, zum Baden an den Indischen Ozean (nix Indischer Ozean, siehe oben ...) zu fahren. Nachmittags wurden wir dann am Flughafen von der freudigen Nachricht überrascht, daß unser Flug wegen technischer Probleme gecancelt war. Wer beschreibt die Freude der Teamleiterin bei dieser Nachricht, die natürlich befürchtete, sich noch weiterhin um die lieben Jungs kümmern zu dürfen... Tatsächlich war nur der Lufthansa-Flug Kapstadt-Johannisburg gecancelt, so daß die Passagiere auf Air France bis Johannesburg umgebucht wurden und dort dann - wenn auch mit Verspätung - in den Lufthansa-Flug umsteigen konnten. Damit trafen wir nur ein paar Stunden verspätet zu Hause ein. Eine Ausnahme bildete lediglich Frau Reich, die sich noch einen zweiwöchigen Urlaub in Südafrika genehmigte, um sich von uns zu erholen.
Das war auch nötig! Naja, soo schlimm ward Ihr auch nicht; es hat mir viel Spaß mit Euch gemacht. In erster Linie mußte ich mich von den kurzen Nächten während der IOI und der Korrektur der 1. Runde des 16. BWINF erholen...

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß allen Beteiligten die IOI sehr viel Spaß gemacht hat und ein unvergeßliches Erlebnis bleiben wird. Zum einen wegen den vielen interessanten und netten Menschen, mit denen man Kontakte knüpfen konnte, aber natürlich auch wegen der eindrucksvollen Umgebung Kapstadts. Auch wegen des sehr angenehmen Klimas und unseres erstklassigen Guides Gill werden wir uns sicherlich noch gerne an diese IOI zurückerinnern.